Schreiben als Dialog mit dem Material
Zum Band »Luftschifflahde IV« von Gregor Kunz
Aus dem Nachwort von Jayne-Ann Igel
Gregor Kunz' Gedichte bestimmen sich vom Bildnerischen her, von Farbe, Klang, Raum und Atmosphäre, von den Wahrnehmungen, die eine Übersetzung in Text eingehen. Ins sogenannte Zweidimensionale der Schrift – oder von Sinn und Schrift. Diese Übersetzungen geben sich dabei nicht weniger komplex als Kunz' Collagen und Fotomontagen, die zum Teil im gleichen Zeitraum entstehen und auch zeichnerische Elemente enthalten. Und wie hier findet in den Texten eine Durchdringung von Sprachbildern und Bildwelten statt, ein gegenseitiges Sich-Nähren und Sich-Bereichern, das für Perspektivwechsel wie für Überraschungen sorgt. Es sind mehrschichtige Gebilde, in denen persönliche, geschichtliche und mythische Bezüge einander »bedingen«. Es finden sich direkte und indirekte Zitate sowie Bezugnahmen auf die Stimmen anderer Dichter, aus der Gegenwart wie Vergangenheit. Vítězslav Nezval und Milán Füst sind Autoren, über deren Texte er von Beginn an Anregungen erfahren hat, aber auch César Vallejo und Jannis Ritsos wären hier zu nennen. Später stieß er auf Texte von Giorgos Seferis, die ihn sehr beeindruckten, und auf Bitten von Ina und Asteris Kutulas, die die Zusammenstellung der Griechenland gewidmeten Ausgabe 249 der
Horen besorgten, verfasste er einen Essay über den Dichter.
Das Gros der Gedichte ist in diesem und den letzten zwei Jahren entstanden. Sie zeugen von der anhaltenden Beschäftigung mit Herkunft, Kindheit und Jugend im Osten des Landes, mit der Wende und der Zeit danach. Mit Kunst wie mit den politischen Realitäten. Sie geben Kunde vom Unterwegssein in Zügen, von Landaufenthalten, vom Blick auf Flächen mit dem »warmen Ton vergifteter Kräuter« (
Sachverhalte). Von Licht, Heiligen und Engeln in Wäldern ist zu lesen (
Traumsequenz, November), von Vögeln, Bahnhöfen und Feldern. Es sind mitnichten Idyllen, überall findet man sich mit den Spuren menschlicher Aktivitäten konfrontiert, auch dort, wo sie abwesend sind. Der Autor erkundet und reflektiert Zeitumstände, wie ein Teil der Sammlung ursprünglich hieß.
Farben spielen in den Texten, wie eingangs erwähnt, eine große Rolle, ebenso Örtlichkeiten und das, was urbane Räume an Natur und Umständen zu bieten haben. Die Sinnlichkeit der Gedichte bewirkt, dass auch Sprachspiel wie -witz eine sinnliche Komponente eignet. Sprichwörtliches zitiert er, wandelt es ab oder lässt es mit ein paar Worten anklingen. Kunz lässt sich auf das Material ein, von ihm inspirieren und leiten. Schreiben bezeichnet er als Dialog mit dem Material. Er weiß nicht, was am Ende herauskommt, das steht aber für ihn nicht im Widerspruch dazu, neuerdings, wie für den vorliegenden Band, konzeptionell resp. thematisch zu arbeiten. Er hat für sich Themen gesetzt, die den Ausgangspunkt für die Erkundungen bilden, nämlich abrufbare Erinnerungen, Eindrücke, Reflexionen, mit denen der eigentliche Schreibprozess beginnt. Wobei er das die Texte verbindende Meta-Thema »Erinnern« nennt.
Auf den ersten Blick wirken die Sätze zuweilen verhoben, wenn zum Beispiel das Subjekt des Satzes an das Ende gestellt wird, doch bei Kunz hat diese Praxis Methode, indem hervorgehoben wird, was das Subjekt bestimmt in seinem Handeln. Und es erzeugt eine eigensinnige Sprachmelodie. Anhand des Gedichtes
Große Augen. Sonnheld Landgraf lässt sich das gut nachvollziehen: »In Wärme und Leim halten fest aneinander Monster und Puppen«. Auch die Stellung des Adverbs »fest« ist nachgelagert. Das Gedicht
Brot und Vögel,
ganz und gar blau setzt wiederum so ein: »Im Wasser das Brot treibt« – auch hier hat Gregor Kunz eine den Lesegewohnheiten bewusst zuwiderlaufende Satzstellung gewählt. Binnenreime sind ab und an zu entdecken, vor allem aber eine bewusst rhythmisierte Sprache, streng gearbeitete Verse, doch wir haben es dabei nicht mit Versmaßen im klassischen Sinn zu tun. Zumeist erscheinen die Strophen in Langzeilen.
Gregor Kunz, 1959 in Berlin-Buch geboren, wuchs in einem musisch interessierten Elternhaus auf, die Mutter arbeitete als Assistenzärztin, zunächst in Strausberg, interessierte sich für Literatur und klassische Musik, der Vater war als Lehrer für Deutsch und Kunsterziehung tätig. Erste Impulse, sich mit Bildender Kunst und Literatur zu beschäftigen, mochten davon ausgegangen sein. In der Folge erweckten die anregenden Diskussionen über Literatur im Deutsch-Unterricht sein Interesse. Erste Schreibversuche fallen in diese Zeit. 1978 legte er das Abitur ab, am Anfang des Armeedienstes im Folgejahr begann Kunz Gedichte zu schreiben. Etwas eher entwickelte er sein zeichnerisches und gestalterisches Talent, absolvierte 1978 ein künstlerisches Praktikum an der Abendschule der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Man eröffnete ihm die Aussicht auf ein Studium an dieser Hochschule, doch erfuhr er letztendlich trotz bestandener Eignungsprüfung eine Ablehnung. Er verdiente mit wechselnden Jobs seinen Unterhalt, zunächst noch in der Niederlausitz (Cottbus, Forst), war u. a. als Grabungshelfer, Forstarbeiter und Briefträger tätig.
1983 zog Gregor Kunz nach Dresden, dort erfolgte ein Neuanfang im Schreiben, erlebte er erste Veröffentlichungen in Zeitschriften wie
NDL und
Temperamente sowie in Publikationen des Samisdat. Sein erster eigener Band erschien 1992 in der
poets-corner-Reihe, 2012 folgte ein weiterer in der Reihe
Versensporn. 2019 beginnend veröffentlichte er drei Bände mit Gedichten unter dem Titel
Luftschiffhalde bei Moloko Print Schönebeck, sie dokumentieren dichterische Texte aus den achtziger Jahren bis in die Gegenwart. Daneben publizierte er Ausgaben mit seinem bildnerischen Werk, es erschienen mehrere Collage-Romane, seit 2011 präsentiert er regelmäßig seine Collagen, Fotomontagen und Druckgrafiken im Rahmen von Einzel- wie auch Gruppenausstellungen. Dies alles erlaubt schon jetzt den Blick auf ein bildnerisch wie poetisch vielfältiges Werk, das Entdeckungen bereithält und zugleich noch im Wachsen begriffen ist.